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    Begleitung in Krisensituationen: Seelsorge und Notfallseelsorge in Deutschland

Begleitung in Krisensituationen

Seelsorge und Notfallseelsorge in Deutschland

Aus dem gesellschaftlichen Umgang mit individuellen Krisen und Ereignissen, die viele Menschen in Krisen stürzen, ist die Arbeit der Seelsorge nicht wegzudenken. Wir klären über die Hintergründe und Herkunft der Seelsorge auf.

Die Möglichkeiten, miteinander in Kontakt zu bleiben, haben sich dramatisch geändert und vor allem weiterentwickelt. Musste man früher nicht nur tage-, sondern gar wochenlang warten, bis ein Brief beim Empfänger ankam, um dann wochenlang auf die Antwort zu warten, stehen wir heute über eine Vielzahl von Kanälen miteinander in Verbindung. Neben den allgegenwärtigen E-Mails und den Smartphones, die es uns erlauben, auch unterwegs zu telefonieren gibt es die plattformübergreifende SMS.

Nicht nur das, auch Programme wie WhatsApp, Signal und Telegram erlauben es uns, unterwegs mit kurzen Textnachrichten oder gesprochenen Nachrichten in Kontakt zu bleiben. Selbst soziale Netzwerke wie Facebook ermöglichen es, direkt miteinander im Gespräch zu bleiben. Ganz zu schweigen von den Möglichkeiten, auch Trauerfeiern digital zu übermitteln.

Man würde denken, diese Vernetzung von Menschen über Stadt- und Landesgrenzen hinaus, die es uns erlaubt auch mit Freunden im Ausland kostenlos in Verbindung zu bleiben, hat ein Gefühl von Nähe erzeugt, ein offenes Kommunizieren und damit die Möglichkeit, sich über Sorgen und Nöte auszutauschen und füreinander da zu sein. Dies würde bedeuten, dass die Seelsorge hinfällig würde oder doch zumindest weniger in Anspruch genommen wird. Die in Deutschland verfügbaren Angebote arbeiten jedoch weiterhin 24 Stunden täglich, mit insgesamt etwa 8.000 ehrenamtlichen Seelsorgern.

Seelsorge und Notfallseelsorge heute

Seelsorge findet in unterschiedlichen Zusammenhängen statt. Es gibt nicht nur die telefonische Seelsorge oder die in religiöse Zusammenhänge eingebundene Seelsorge, auch Krankenhäuser, Bahnhöfe und Flughäfe sowie immer mehr Hospize bieten Hilfesuchenden Ansprechpartner. Hier können nicht nur alltägliche Sörgen und Nöte besprochen werden, sondern auch spirituelle Gespräche geführt werden, zum Beispiel auch über die eigenen Vorstellungen vom Leben nach dem Tod.

Auch für Einsatzkräfte gibt es Hilfsangebote, die bei der Bewältigung von im Einsatz erlebten Stresssituationen helfen sollen und damit einen Beitrag leisten, dass weniger Einsatzkräfte an post-traumatischer Belastungsstörung (PTSD) erkranken. Die Einsatzkräfte werden teilweise auch in der Vermeidung von Suiziden unterstützt, indem durch die Notfallseelsorger sogenannte Talk-downs durchgeführt werden. Dabei werden Menschen, die einen Suizid unternehmen wollen, davon abgehalten, indem sie beruhigt und ein seelsorgerisches Gespräch als Intervention geführt wird.

Die Notfallseelsorger arbeiten ihrem Selbstverständnis nach ökumenisch, ihre Hilfsangebote können unabhängig von Religionszugehörigkeit in Anspruch genommen werden.

Als organisierte Notfallseelsorge findet die Seelsorge in Deutschland erst seit Ende des zwanzigsten Jahrhunderts statt. Zunächst wurde 1990 die Arbeitsgemeinschaft Seelsorge in Feuerwehr und Rettungsdienst gegründet, 1991 dann wurden die ersten Notfallseelsorge-Systeme in Deutschland eingerichtet, über die Rettungsdienste und Polizei Notfallseelsorger für Einsätze alarmieren konnten.

Seelsorge während Krisen

Egal, ob einen eine persönliche Krise trifft oder sich eine Gesellschaft in einer Krisensituation befindet, Menschen suchen Nähe zueinander im Gespräch. Doch trotz der eingangs genannten digitalen Nähe zu unseren Mitmenschen fällt es uns schwer, derartig emotional belastende Themen oder unser Sorgen und Nöte über diese Wege mit uns nahestehenden Menschen zu besprechen und zu teilen. Die Notfallseelsorge und insbesondere die Telefonseelsorge sind daher auch Jahrzehnte nach ihrer Gründung noch immer relevant.

Zahlen und Statistiken zeigen, dass insbesondere in Krisensituationen, die ganze Gesellschaften betreffen, Gefühle der Angst und der Einsamkeit stärker hervortreten – eine Situation, in der das anonyme Telefongespräch mit einem ausgebildeten Seelsorger hilfreich sein kann. Insbesondere, wenn reguläre soziale Kontakte wegbrechen wie etwa durch Ausgang- und Kontaktsperren oder bei Menschen, die bereits unabhängig von der Krisensituation vereinsamt waren. Dies betrifft nicht nur Senioren, sondern auch Menschen, die beispielsweise in Frührente gegangen sind oder anderweitig den sozialen Anschlusspunkt Arbeitsplatz verloren haben.

Während der Corona-Krise zum Beispiel berichteten nahezu alle Telefonseelsorge-Einrichtungen von gestiegenen Anrufen, bis zu 20 % mehr Anrufvolumen verzeichneten einige davon.

Die Telefonseelsorge ist, wie bereits geschrieben, konfessionsunabhängig erreichbar. In den meisten Bundesländern ist die Unterscheidung zwischen katholischer und evangelischer Rufnummer inzwischen aufgehoben.

Aktuelle Rufnummern

Telefonseelsorge

  • 0800 111 0 111 (evangelisch)
  • 0800 111 0 222 (katholisch)
  • 030 443 509 821 (muslimisch, dienstags auch auf türkisch)
  • 116123

Suchtberatung

  • 06062 607 67 (Beratungsstelle des DRK)
  • 08731 325 731 2 (Anonyme Alkoholiker)
  • 0202 620 030 (Blaues Kreuz)

Kinder- und Jugendseelsorge

  • 116111 oder 0800 111 0 333 (Montag, Mittwoch, Donnerstag 10-12 Uhr | Montag - Samstag 14-20 Uhr)

Eltern-Seelsorge

  • 0800 111 0 550 (Montag - Freitag 9-17 Uhr | Dienstag und Donnerstag 17-19 Uhr)

Gewalt gegen Frauen

  • 08000 116 016 (täglich rund um die Uhr)

Hilfe für Gewaltopfer

  • 116006 (täglich 7-22 Uhr)

Hilfe bei sexuellem Missbrauch

  • 0800 225 553 0

Ursprung der Seelsorge

Die heute verfügbaren Dienste der Seelsorge bieten basierend auf historischem Vorbild die Möglichkeiten, Menschen in Krisensituationen geistlich zu begleiten. Diese Seelsorge fand traditionell unter vier Augen mit einem Geistlichen – dem Seelsorger – statt. Erst in den 1950er kam die Seelsorge-Bewegung nach Deutschland, obschon es den Gedanken der Seelsorge in kirchlichen Kreisen schon lange gibt.

Die "Lehre von der Seelsorge" ist ein Bestandteil der im 19. Jahrhundert etablierten angewandten Theologie und gibt dem Seelsorger die notwendigen Werkzeuge an die Hand, mit denen er in den Beratungsgesprächen die nötige psychosoziale Hilfestellung bieten kann.

Zwar ist die Seelsorge explizit nicht therapeutisch, dennoch finden einige Methoden ihre Anwendung, die psychotherapeutisch entwickelt wurden und aus therapeutischen Kontexten stammen. Die Inhalte seelsorgerischer Gespräche unterliegen der Schweigepflicht beziehungsweise dem Beichtgeheimnis, beide sind – zumindest für geistliche Seelsorger – auch gesetzlich verbrieft und haben Zeugnisverweigerungsrecht zur Folge.

Notfallseelsorge

Zu unterscheiden von der Seelsorge an sich ist die sogenannte Notfallseelsorge. Diese versteht sich als "Erste Hilfe" für die Seele des Menschen in Krisensituationen, wohingegen die klassische Seelsorge ein fortwährender Bestandteil der kirchlichen Arbeit und des geistlichen Alltags ist. Die Seelsorge war ursprünglich insbesondere dem menschlichen Kampf gegen die Sünde gewidmet.

Die Seelsorge (auch die Telefonseelsorge) richtet sich also an Menschen, die in ihrer Lebenswirklichkeit Hilfestellung benötigen, was in Telefongesprächen, Vor-Ort-Gesprächen oder immer mehr auch per E-Mail-Kontakt erfolgen kann, ohne dabei die Lösung für ein konkretes Problem zu suchen.

Notfallseelsorge hingegen richtet sich an Menschen in krisenhaften Extremsituationen, beispielhaft seien hier Verkehrsunfälle, das polizeiliche Überbringen einer Todesnachricht oder der nicht-natürliche Tod genannt.

Die Telefonseelsorge

Die Idee der Telefonseelsorge geht vermutlich zurück auf das private Engagement einzelner Pfarrer, zunächst in New York, später in London. Mindestens zwei bekannte Beispiele von per Zeitungsanzeige veröffentlichter privater Telefonnummern sind bekannt. Diese boten sowohl Anonymität als auch die 24-stündige Erreichbarkeit, um telefonisch Hilfe und Gespräche zu suchen. Ursprünglich bestand das Angebot insbesondere in Bezug auf die Suizidverhinderung.

Aus diesen Initiativen heraus entwickelte sich in England die Bewegung der "Samaritans" und parallel dazu die "International Federation of Telephone Emergency Services" in der Schweiz. In Deutschland besteht die Telefonseelsorge seit 1956: In Berlin wurde durch ein Seelsorger-Ehepaar nach dem Vorbild der englischen Samariter das erste Angebot zur Telefonseelsorge eingerichtet. Die "Telefonseelsorge Berlin", die sich als "Verein zur Lebensmüdenbetreuung" verstand und als Verein "Lukas-Gemeinschaft (Lebensmüdenbetreuung)" gegründet wurde, hatte das Anliegen, Menschen in Krisensituationen vor dem Suizids eine letzte Handreichung zu bieten.

Aufbauend auf der grundsätzlichen Idee der Telefonseelsorge entwickelten sich im Laufe der Zeit weitere, ähnlich gelagerte und bis heute bestehende Angebote: telefonische Suchtberatung, Kinderberatung oder die telefonische Beratung von Opfern von Gewalt, um nur einige zu nennen.

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Dieses Projekt wird kofinanziert durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE).
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